15 August 2017

Ich, ohne Führerschein

"Georg: Man sitzt in einer Blase und hört nichts außer diesem angenehmen Schnurren.
Inga: Wunderschön. Beruhigend. Alles Störende bleibt draußen. Gott, ist das hier häßlich.
Beide lauschen.
Inga: Das nennt sich Psychoakustik. Damit sind Tausende von deutschen Ingenieuren beschäftigt, deswegen sind die Autos auch so teuer. Und wenn dann einer kommt und sich so ein teures Auto kauft, dann will er sein neues Exoskelett natürlich auch schön ausfahren ... Deswegen gibt es auf der Autobahn keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Todesrasen ist ja nur in Deutschland erlaubt, damit alle denken, sie seien – frei.
Georg: ... ich hab Hunger."

An diesen Dialog aus Finsterworld denke ich immer öfter abseits einer Autobahn, wenn 700 PS starke Fahrzeuge in Dreißigerzonen voll ausgefahren werden und ich Angst erfüllt flach an einer Häuserwand klebe und versuche in die Schutz spendende Einbuchtung zu gelangen, die zum Eingang führt. Wenn mich das Geräusch eines heranschnellenden SUVs dazu bringt, hinter einer Hecke am Straßenrand Schutz zu suchen. Wenn ich während der Hass getriebenen Hauptverkehrszeit an einer Straßenkreuzung stehe und vor dem Überqueren noch schnell verschiedene Unfallszenarien in meinem Kopf durchspiele, um doch noch die rettende Bewegung zu eruieren, die schützende Lücke zwischen Metall und Asphalt für meinen Körper zu finden, um immer wieder zu dem bitteren Schluss zu kommen: es sieht schlecht aus. Wenn ich am Ende des Tages Fahrradfahrer mit einer goldfarbenen Schärpe ausstatte und das Absteigen applaudierend begleite. Wieder einen Tag überstanden: gemeinsam mit jenen Pkw und Motorrädern, die mit rotem Kurzzeitkennzeichnen und Gopro-Kamera ausgestattet, zur dröhnenden Höchstform auflaufen, aber auch mit all den zähnefletschenden Sport Utility Vehicles, mit denen der Stadtalltag bestritten wird, indem die Stadt und die Welt einfach ausgeklammert werden. "Alles Störende bleibt draußen", stellt Inga fest.

Und die Stadt wird eine künstliche. Das bewegte Bild von ihr fällt durch die Fenster ins Innere des Autos ein. Es ist wie Schauen im Kino, ein Effekt, der sich sonst nur einstellt, wenn du mit deinem Rotweinmagen im Fond eines Taxis liegst. Wenn Schilder oder Menschen zu sehen sind, stellen sie nur noch ein mögliches Detail in der Szenerie dar – keine Tatsache.

Ich bin die Figur rechts auf dem Trottoir. Ich habe übrigens keinen Führerschein. Ich habe mit 18 Jahren das Land gegen die Großstadt und darauf die Großstadt gegen eine Metropolenregion eingetauscht.

Ich gehe gerne. Ich fahre gerne Zug. (Ich bevorzuge die klassische Ankunft.) Bus und Taxi nur im Notfall. Ich habe eine Monatskarte und Erfahrungen: Neben den vielen ungezählten Schritten, den Anderen in ihrem Sein, der Last der Taschen und dem Hagel im Gesicht weiß nur ich, wie es ist, wenn ein Umzug auch postalisch erfolgen kann, wie es durchaus möglich war, als ich noch in möblierten Zimmern gewohnt habe. Ich kenne aber auch die Starre der Zeit an Haltestellen und auf Bahnhöfen zwischen zwei Fahrtabschnitten. (Ich denke an 30 Minuten Ewigkeit und einige qualvolle Stunden in Hamm. In solchen Momente half Musik, Literatur und Journalismus. Und wo liest es sich schöner als in kalten Bahnhofshallen oder im Zug?) Und ja, hin und wieder muss ich Sätze ertragen wie: "Wer fährt denn jetzt? Denn die einzige Person, die noch nüchtern ist, hat keinen Führerschein."

Dann bestelle ich mir ein Glas Rotwein.

7 August 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017
Closeup

Mit der selben Überraschung, die ich früh am Morgen über das rege Treiben auf den Bahnhöfen und in den Zügen verspüre, warte ich an drei Tagen zwischen 21 und 24 Uhr auf einen Regionalzug, der mich in die nächste Stadt nach Hause trägt. Jeder ist da.

Umso später die Stunde, umso härter die Nackenmuskulatur, die mir trotzig zeigt, dass meine Haltung während der zuvor verrichteten Arbeit falsch war. Ich dulde den Schmerz. Ich war schnell. Zur Belohnung esse ich eine Waffel am Stiel – ohne Puderzucker. Ich sehe das Gras zwischen den Gleisen, das schon immer da war und grün schimmernd zwischen den Steinen wächst. Inmitten der Halme sind Mäuse auf der Suche nach Futter zu sehen. Eine huscht mir auf dem Bahnsteig über die Schuhe. Sie sind nur hier, weil wir es sind.

Beim Gang durch die nächtliche Stadt meinst du mich, wenn du über die Lichter in den Bürogebäuden sprichst. Wir sind es. Jeder ist in seinem Großraumbüro allein. Es gibt keine Namen. Für zehn Euro die Stunde bin ich die, die dir die Startseite aktualisiert und dir das Gefühl des ewigen Jetzt gibt. Ich erschaffe dir unendliche Welten aus Bildern. Ich unterhalte dich mit einer Umfrage und einem Quiz. Ich schreibe eine Glosse zu dem Aufregerthema des Tages, die du nicht lesen wirst. Ich gleite durch Twitter und Facebook, um nachzuvollziehen, was dir gefällt. Reicht es für einen Artikel? Ich nehme freundlich die Texte freier Mitarbeiter entgegen und bedanke mich. Ich sorge dafür, dass erzählende Elemente aus den automatisch einlaufenden Printartikeln entfernt werden und die Idee getötet wird. Die Story lebt, doch nach mir gibt es keine Überschriften und Einleitungen mehr, sondern nur noch Headlines und Teaser. Kommst du mit mir hinter den Vorhang? Ich lösche eure Kommentare, wo auch immer ihr zu laut sprecht, und schreibe, wenn es die Zeit zulässt, höflich im Namen der Redaktion. Während du und zehn andere entrüstet antwortet, kündige ich die letzten Sportergebnisse in den sozialen Medien an und bearbeite fortlaufend den Posteingang. Ich warte auf einen DPA-Artikel. Ich warte auf neue Bilder. Das Telefon bleibt still. Heute ist nichts passiert.

Nach ein paar Stunden verfasse ich eine Übergabe per E-Mail. Ich rede über Inhalte und Aufgaben, ich meine Workloads.

Irgendwann war es wie abwaschen. Ich war im Fluss. Ich war fehlerfrei.

Ich habe dabei Musik gehört.

"Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017", eine Erzählung, Format und Ausmaß unbestimmt. Bisher erschienen: Prolog, Die Tiefpunkte, The Culture I, Überforderung