22 January 2017

Stumpf ist Trumpf

"Stimmt wahrscheinlich alles", überlege ich, hörender- und wippenderweise, affektiv, in das Kommetarfeld zur digitalen Bemusterung von Lieder ohne Leiden zu tippen. Ich halte mich zurück. Bloß nicht zu euphorisch werden, obwohl bereits die Präsentation der ersten Single Eigentumswohnung von Christiane Rösinger zu einem sofortistischen "Ja, ja, ja" geführt hätte, auch wenn die Überlegung einsetzte, wie toll das denn wäre, dieses Wohnen ohne Angst auf Kosten der anderen, um nicht in folgenden Wettbewerb miteintreten zu müssen: "Ich wohne auf 37 Quadratmetern", sagt sie. "Ich auf 32", sagt er. Passender Romantitel dazu: Kabuff revisited.

Doch nun zum Eigentlichen: Sie singt auch über das Lob der stumpfen Arbeit. Nach einem kurzen innerlichen Widerstand gegen dieses Lob, eine Phase von 3:48 Minuten, die gefüllt ist mit den üblichen Vorurteilen gegenüber der dominierenden zeitlichen Arbeits- und Freizeittaktung, der Redundanz der Tätigkeit, der Optimierung der Abläufe mit anschließender Erlebnissucht, setzt beim zweiten Hören und Zuhören ein zustimmendes, äußeres Nicken ein. "Der Fluch dieser Tage ist die kreative Plage [...] Den Markt bedienen, ohne was zu verdienen [...] Sich selbst ausbeuten, und das auch noch mit Freuden [...] Nach all den Jahren ist es so weit, ich sing das Lob der stumpfen Arbeit."

Der biografische Abgleich ist selbstredend: erfolgreich. Benutzt, beschämt, verzweifelt, sitzt man da und hört zu, im antrainierten Überlebensmodus: ich bin unerschöpflich. Daher fällt das Resümee zunächst zugunsten der "stumpfen Arbeit" aus, weil damit wohl eine Tätigkeit einhergeht, die sich dem Kreativitätskomplex und ihrer neoliberalen Verzahnung entzieht. Ausstieg durch Gewöhnlichkeit. Stumpf ist Trumpf.

Doch was, wenn die "stumpfe" Tätigkeit nicht nur ausgleichendes Hobby bleibt, das man sich leisten kann? Der Trendwunsch geht daher nicht zum Ausmalbuch, sondern zu einem - oder irgendeinem - Teilzeitjob, um somit den kreativen und ökonomischen Dauerdruck für 20 oder 30 Stunden in der Woche vom Cortex zu nehmen. Doch wenn die Chance dazu überhaupt besteht, dann ist die erarbeitete Freizeit schnell wieder gefüllt: weil das Geld oft nicht reicht und/oder weil das verinnerlichte Selbstverwirklichungs- und Kreatvititätsdispositiv zur Umschreibung der eigenen Biografie zwingt. Dann, wenn’s sein muss (ja, es muss sein) gerne ohne Rechnung. "Denn draußen ist alles da, auch wenn es niemand bezahlt hat" (eine andere Band).

"It’s a trap".

14 January 2017

Die Matratze

Angelika Taschen hatte im Gespräch mit Dagmar von Taube recht: »Man schläft heute besser vor einer nackten Wand«, rät die Verlegerin, bevor sie beiläufig zur scharfen Kulturdiagnose ansetzt: »Schlaf ist das neue Gold!«. Denn Schlafort und der Schlaf selbst sind die neue Insel der Rettung, das Luxusressort des Alltags. Neben dem Kassenschlager „Boxspringbett“ sind vor allem Matratzen begehrte Insignien.

Der Höhenflug des ominösen Boxspringbettes scheint jedoch vorbei, denn mit einem Preis ab 250 Euro strudelt der Sog der Verramschung. Das Kokettieren mit dem Erwerb eines solchen ist, wenn, dann nur noch aus weiter Ferne im epischen Präteritum zu hören. Die Tür zum Schlafzimmer bleibt wieder geschlossen.

Die Schlafqualitiät kann somit nur noch mit dem Erwerb einer Matratze gesteigert werden, die inklusive Namen und exklusivem Narrativ dargeboten werden.

Also: noch besser schlafen, nur noch schlafen, wenn wach, dann nur noch lümmeln, der Zeit zuhören, sich selbst beim Altern zuschauen, nur noch Staub ansetzen, zentimeterdick, hin und wieder sich und die Matratze wenden, bloß, auf gar keinen Fall, sprich: nie wieder, sitzen (eh zu gefährlich)? Kein draußen. Die Augen verkleben lassen.

Oder doch bloß wieder: effizienter schlafen? Schlaf mit der Vorstellung eines besseren Aufwachens, des besseren Aufstehens? Oder aber: schlafen an sich? Luxussanierung zur Förderung von Seltenheit? Denn sie flüstern: „Wie schaffst du es, dir noch Schlaf zu gönnen?“ „Es schläft doch schon seit Jahren nichts mehr.“ „Wann hast du zuletzt dein Handy ausgeschaltet?“. Die kleine, rote Stand-by-Lampe an der Anlage sorgt nur noch in der Erinnerung für innerliche Aufregung, bis entnervt der Kippschalter in Gedanken betätigt wird (schwaches, entsättigtes Bild).

Beim Nachdenken über die Rolle des Schlafens zwischen menschlicher Notwendigkeit und letzter Festung gegen eine neoliberale Wirtschaftsethik – wer schläft, arbeitet nicht – steht sie vor dem VW-Sprinter: »Einfach oben auf die Möbel legen«. Sagt er andernorts: »Erst mal auf den Boden werfen«. Ausrufe des oszillierenden Individuums. Denn im Gegensatz zum Boxspringbett, das durch seine Klotzigkeit und der damit verbundenen albtraumhaften Vorstellung des Ab- und erneuten Zusammenbauens, Sesshaftigkeit kommuniziert, erleichtert die Matratze den steten Ortswechsel. Im Idealfall: gerollt.

»Der Rest kommt nach.«

6 October 2013

Mit ohne

Das sind die neuen Partymomente. Beim Halten des ersten Biers erzählt einer, dass er einen veganen Monat einlegen und sein Essverhalten ändern will. Beim zweiten Bier – ich zähle mit – bin ich mitten in der Diskussion über das beste Sport-App, während ich mir das dritte Bier hole, höre ich wie Laufzeiten abgeglichen werden und Männer die Diät entdecken.

11 July 2013

Waahr

Ich war 13 Jahre alt, als ich meine erste »Tempo« in den Händen gehalten habe. Das war im Sommer 1995. Auf dem Cover war Kate Moss zu sehen, wer sonst, und die Titelstory lautete: »Wie besiege ich meinen Chef«. Ein Thema, das einen mit 13 Jahren trifft.

8 July 2013

Hinter der Milchglastür

von Vincent Schmidt, Hong Kong 2005

Das ist der letzte Text einer dreiteiligen Asien-Serie.

Hong Kong betrete ich durch die Hintertür. Nicht über den Flughafen, nicht auf dem Landweg aus China, sondern zu Wasser.

26 June 2013

Tasse von Gewicht

Beim Minusvisionen-Umzug verloren gegangen, jetzt wiedergefunden:

Rumänien, Ukraine, die Türkei und China sind Staaten mit unterschiedlichen geographischen und politischen Angaben. Grenzüberschreitend verbindet sie die Herstellung eines Typs Tasse, ein massenhaft angefertigtes Produkt, das sich meistens durch folgendes auszeichnet: Standard.

23 June 2013

Das weggeputzte Grün

Die Erinnerung ist ein Bild. Sie verblasst langsam, meistens unmerklich, aber kontinuierlich, indem Details zwischen den kräftigen Rändern im geschaffenen Bild verloren gehen, die Farben sich verändern und die Schärfe des verlorenen Inhalts einem diffusen Gefühl weicht, das man beim Halten oder Erinnern verspürt.

Doch wenn bei dem einen Produkt ein Blick auf das Thermostat und die Restauration helfen kann, verbleiben im Kopf irgendwann nur Sequenzen, Momente, Augenblicke, die einem Traum gleichen, da man sich weder an den Anfang noch an das Ende erinnern kann.

10 June 2013

Vietnam, dance!

von Vincent Schmidt, Hanoi 2005

"Vietnam, dance!" ist der zweite Text einer dreiteiligen Asien-Serie.

Von Bangkok fliege ich nach Hanoi. Vorbei an ausrangiertem Militär-Schrott rollt die Maschine der Thai Airways auf das neue Terminalgebäude des Flughafens zu. Um die Mittagszeit herrscht hier kaum Betrieb. Ich zweifle, ob auf diesem Flughafen überhaupt je Betrieb herrscht. Das Lächeln der thailändischen Stewardess beim Aussteigen entlässt mich in eine andere Welt. Gelächelt wird ab jetzt nicht mehr. Schon die Polizisten vor der Flugzeugtür, oder sind es Soldaten, schauen grimmig und mustern jeden Ankömmling mit abschätzigem Blick. Sie tragen grüne Uniformen, wie alle Polizisten in kommunistischen Ländern und Deutschland.