16 March 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017
Die Tiefpunkte

Ich bin von Januar bis Oktober 2008 arbeitslos. Ich erhalte Arbeitslosengeld II. Vom 1.1. bis zum 30.6. bekomme ich monatlich 664,64 Euro. Ab dem 1.7. bis Oktober sind es 668,64 Euro. Die darin enthaltene Höhe zur Sicherung des Lebensunterhalts beträgt zu diesem Zeitpunkt 347 Euro. Abzüglich der Kosten für Strom, Festnetz, Internet, Handy, Monatsfahrkarte sowie für zwei bis fünf Bewerbungen monatlich verbleiben mir durchschnittlich 160 bis 180 Euro zum Leben. Hin und wieder frage ich meine Mutter nach 20 oder 50 Euro sowie nach Lebensmitteln per Post, in Abständen verdiene ich mir 50 bis 100 Euro bar durch einen Nebenjob dazu.

Ich wohne allein. Ich spreche daher wenig, insbesondere nachdem die sogenannten Fortbildungen abgeschlossen sind. Wenn keine Anrufe erfolgen: bis zu einer Woche – gar nichts. Ich hätte damals auf Minusvisionen ein Protokoll führen können. Ingo hätte das sicherlich gefallen. Doch das kommt mir nicht in den Sinn. Die Blog-Einträge werden Ende 2007 bis 2008 immer öfter sehr kryptisch. Es gibt kein außen mehr.

Am 6. Juni 2008, an meinem 26. Geburtstag, bekomme ich die DVD zu Fassbinders Angst essen Seele auf geschenkt. Ich sage: "Toll". Und bedanke mich.

Der Bildungsgutschein

Ich bin in einem kleinen Raum innerhalb eines Gebäudes mit Klinkerfassade angekommen. Ich werde nun verwaltet. Noch darf ich den Haupteingang nehmen, später wird es ein Seiteneingang für ALGII-Empfänger sein. Damit ich nicht vergesse, wo ich stehe: am Rand.

Ich werde in diesem kleinen Raum keine Eingliederungsvereinbarung unterschrieben. Denn ich erhalte sofort einen Bildungsgutschein. Das Symbol für das großes Geschäft zwischen der Arbeitsagentur und der jeweiligen Bildungsträger. Das goldene Ticket. Denn für Staat und Bildungseinrichtung ist es eine Win-win-Situation: der Träger verdient, die Arbeitsagentur muss mich nicht als 'arbeitslos' führen.

Ich befinde mich also in einer Weiterbildung. Diese besteht zunächst aus einem dreimonatigen Kurs für "Business English", den ich täglich von 8 bis 15 Uhr besuchen muss. Nach dem ersten Monat werden die Inhalte wiederholt, weil stets neue Teilnehmer in den Kurs kommen. Jeder hört somit alles drei Mal. Jeder besitzt jegliche Arbeitsblätter in dreifacher Ausführung. Jeder hatte die Chance, drei Mal seinen Text aufzusagen. Es scheint fast ein ästhetizistischer Ansatz vorzuherrschen. Auf Business English folgt der vierwöchige Kurs "Excel, Internet, Power Point". Mir wird unter anderem die Google-Bildersuche erklärt.

Der Körper

Ich habe zu Beginn der Fortbildung zwei Wochen lang Magenschmerzen. Ein neues Gefühl. Kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Auch wenn ich das Bedürfnis nach einer Krankschreibung habe, suche ich keinen Arzt auf.
Im Laufe des Jahres schlafe ich abends immer schlechter ein. Ich spüre mein Herz, deutlich, manchmal zu stark, so als hätte ich ständig zu viel Weißwein getrunken. Ich google. Ich verunsichere. Nach Monaten werden ein Langzeit-EKG und ein großes Blutbild gemacht. Nichts. Ich bin beruhigt. Ab 2009 werden die Symptome seltener.

Die Paranoia

Ich wohne in einem Erdgeschoss in einer Einzimmerwohnung zur Straße hin. Jeden Morgen stehe ich weiterhin um 7.30 Uhr auf. Ich gehe zum Fenster und ziehe meine Rollläden hoch. Nach diesem Vorgang gehe ich wieder ins Bett. Bleiben die Rollläden zu lange unten, bilde ich mir ein, dass jeder weiß, was los ist. Ich befinde ich mich dann in Die innere Sicherheit mit im Wagen der Flüchtenden, die an einer Kreuzung bei Rot halten müssen und jedes bremsende Auto um sie herum eine potenzielle Gefahr darstellt, hochgenommen zu werden. Doch die Autos fahren. Ich bleibe liegen. Die Position meiner Rollläden interessiert keinen.

Die Verzweiflung

Es ist Dienstag, Mitte Oktober 2008, die Lehman-Brothers-Pleite liegt einen Monat zurück. Ich stehe um 5 Uhr morgens an einem Gleis des Bochumer Hauptbahnhofs und warte auf einen Regionalexpress. Ich habe einen Job in Paderborn angenommen, für den ich um 4 Uhr aufstehe, um pünktlich zu sein. Grund: die einzige Zusage. Ich bin müde. Drei Tage in der Woche werde ich nun müde sein. Müdigkeit schmerzt. Nach einem halben Jahr stehe ich eine Stunde später auf. Die Müdigkeit wird bleiben.

Die Rückzahlung

Ende Oktober erhalte ich mein erstes Gehalt. Am 5. Januar 2009 erfahre ich, dass dieses an die staatlichen Leitungen angerechnet wurde, die ich Ende September für Oktober erhalten habe. Ich muss die Leistungen für Oktober fast vollständig zurückzahlen: 632,92 Euro. Ich spreche persönlich vor. Man verstehe die Problematik. Es wäre bedauerlich. Ich hätte mir meinen Lohn halt zum 1.11. überweisen lassen sollen.

Der Preis

Mitte 2008 reiche ich eine Kurzgeschichte zu einem Literaturwettbewerb in Bochum ein. Das Motto lautet: "Geld schreibt". Mein Text schafft es unter die letzten Zehn, die bei einer Lesung Ende 2008 von den Autor*innen vorgetragen werden sollen. Dort darf dann das Publikum abstimmen. Da Freunde anwesend sind, schaffe ich es auf den dritten Platz. Mein Text wird in einer Anthologie veröffentlicht.

Auf meiner Urkunde steht, dass ich 200 Euro Preisgeld bekomme. Leider muss ich mir den Preis mit jemandem teilen. Das erfahre ich erst später, als ich die 200 Euro durch die Leihgabe eines Freundes schon längst ausgegeben habe. Denn ich wollte damals nach Berlin. Ich wollte in der Galerie Zern der US-Armee beitreten.

26 February 2017

"The person you have loved is temporarily not available"

"Immer war McCullers, die eine turbulente Ehe führte, unglücklich in Frauen verliebt – unter anderem in die Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach – ohne je mit ihnen eine Beziehung eingehen zu können", heißt es zu Carson McCullers in einem von vielen Texten zum Hundertsten der 1967 verstorbenen Autorin.

Carson, "tragisch-hustende, mausgraue", wie Klaus Mann über sie fälschlicherweise schrieb. Annemarie, "störrischer Unglücksengel", wie Erika Mann über die geduldete, aber auf Distanz gehaltene Freundin feststellte.

Carson. Annemarie. Eine Fast-Liebe zu der Alexandra Lavizzari schreibt: "Statt Glück und Erfüllung bescherte diese Liebe Carson allerdings nur quälende Sehnsüchte bis hin zur lebensbedrohenden Verzweiflung, während Annemarie, mit zweiunddreißig Jahren fast schon am Ende ihres Lebens angelangt, die Kraft für ein Abendteuer mit der quirligen, neun Jahren jüngeren Freundin schlicht nicht mehr aufbrachte Für sie war es, mehr noch als für Carson, der falsche Zeitpunkt, ein tragisches 'Zu spät'..."

Ihre Beziehung war ein "Reich fein nuancierter Möglichkeiten" und daher liegt es auch an der Leserin, unerhörte Synchronizitäten herzustellen, um die "schöne Verwandtschaft" zu manifestieren, ganz einfach, indem man zwei Bücher nebeneinanderlegt.

Wir schauen also 1940 in einen Raum im Bedford Hotel in New York. Draußen der Klang der Metropole. Gedämpft. Eine Zimmertür geht auf: "Sie hatte ein Gesicht, von dem ich wußte, daß es mich bis ans Ende meiner Tage verfolgen würde, schön, blond, mit kurzen glatten Haaren. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck des Leidens, den ich mir nicht erklären konnte. Da sie einfach prachtvoll aussah, konnte ich nur an Myschkins Begegnung mit Nastassja Filippowna in Der Idiot denken, bei der er 'Schrecken, Mitleid und Liebe' empfand", beschreibt Carson die Begegnung mit Annemarie in ihrer Autobiografie.

Gleichzeitig blicken wir 1929 in das Suvretta House in St. Moritz. Annemarie Schwarzenbach beschreibt in der Erzählung Eine Frau zu sehen die Begegnung mit einer Unbekannten in einem Grandhotel in den Schweizer Alpen. Hier geht nun eine Fahrstuhltür auf: "Eine Frau zu sehen: nur eine Sekunde lang, nur im kurzen Raum eines Blickes, um sie dann wieder zu verlieren, irgendwo im Dunkel eines Ganges, hinter einer Türe, die ich nicht öffnen darf –
aber eine Frau zu sehen, und im selben Augenblick zu fühlen, dass auch sie mich gesehen hat, dass ihre Augen fragend an mir hängen, als müssten wir uns begegnen auf der Schwelle des Fremden, dieser dunklen und schwermütigen Grenze des Bewusstseins..."

21 February 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017

Möglicher Prolog

Ich bin 25 und am Ende. Das heißt: Ich fühle schon mal vor, als ich in Bochum an der Kreuzung Wittener Straße/Goystraße an der Ampel stehe und auf ein schwarzes Plakat starre. Es ist der Sommer 2007. Es ist heiß. Die Zweite Große Koalition hat Pause und die Losung scheint zu lauten: "Kapitulation". Grün auf Schwarz: "Kapitulation" – unter einer zu deutschen Sonne.

"Kapitulation": Jedes Mal, täglich, an dieser Kreuzung, gegenüber der Total-Tankstelle, in der ich mal gearbeitet habe, von der bald nur eine Brachfläche bleiben wird. "Kapitulation". Weiterhin. Wie lang eigentlich noch? Eine Woche? Zwei Wochen? Wer foltert mich?

Auch an S-Bahn-Haltestellen gibt es kein Entkommen. Unter dem Schild "Zu den Zügen" wirbt Congstar auf verschmutzten Fliesen für "Mobilfunk & DSL so einfach wie Fastfood". Daneben wird mir wieder zugeflüstert: "Kapitulation".

Ich drehe mich um und weg. Ich vermeide darauf unnötige Außengänge. Ich strecke in meiner abgedunkelten Wohnung alle Gliedmaßen symmetrisch von mir, und halte sie, wenn nötig, mit einem glatt gezogenen Laken getrennt, damit die Sommerhitze aus dem Körper gelassen werden kann, als ginge es darum, ein Fieber zu bekämpfen.

Das Plakat wird schon verschwinden. Das würde auch sonst zu teuer. Bestimmt. Radio und Fernseher bleiben aus. Das Modem wird nur zum Abrufen der E-Mails bedient. Etwas anderes schafft diese Verbindung zum Glück nicht mehr. Zeitschriften und Feuilletons gilt es zu ignorieren. Eine weitere mediale Konfrontation muss vermieden werden. Ich bin bereits beschäftigt. Denn ist es nun Meldung, Aufforderung, Mahnung, Hinweis, Rat, Provokation, Scherz, Ästhetik? "Für mich ist Kapitulation das schönste Wort der deutschen Sprache", sagt einer. "Kapitulation". Wem gilt es, wie ist es gemeint, verfügt es doch weder über Punkt noch Frage- oder Ausrufezeichen? Bin ich gemeint? Ein System? Eine Band? Der Hörer? Wer unterwirft sich wem? Und: bedingungslos?

Kapitulation von Tocotronic erscheint schließlich am 6. Juli 2007. Ich kaufe das Album nicht. Ich liege so rum. Ohne großes Geld. Ich leihe höchstens. Ich bestreite mein Leben aus einer Mischung aus Bafög, Halbwaisenrente und Kindergeld. Es kommen um die 800 Euro zusammen – fürs da sein. Da denkt man fast: toll. Ich befinde mich im letzten Semester meines Studiums und habe erstmals keinen Nebenjob mit der Hoffnung: Zeit. Wahrscheinlich mache ich aber doch etwas. Bedauerlicherweise gehe ich noch davon aus, dass das Aufbringen von irgendetwas in irgendetwas münden könnte. Schlüssige Begründungen kann dazu sicherlich Bourdieu liefern. Kurzum: Ich strenge mich also an. Verkrampfe.

Als ich vier Monate später Hartz IV beantragen muss, da die Einführung der Studiengebühren in NRW zum Wintersemester 2007/2008 den Gedanken an die unendliche Dehnung der Studienzeit zunichte macht und nichts in Sicht ist, als ich plötzlich in der Fortbildung "Excel, Internet, Power Point" sitze, die Betonung liegt auf Internet, während ich am Abend an einem Dissertations-Exposé werkle, das keiner für Geld will, als ich Monate später, zwei, drei, vier, fünf Jobs gleichzeitig habe, mindestens einer unbezahlt, mindestens einer, über den man nicht spricht, als ich Jahre später et cetera, et cetera, hätte es mir einfach wieder einfallen sollen: "Kapitulation".

Press 'play'.

14 February 2017

Das Bad

David Hockney hat das Duschen sexy gemacht. Das habe ich mal gelernt. Denn auf seinen Gemälden aus den Sechzigern ist das Duschen kein bloßer Akt der schnöden Körperreinigung mehr, der in einer kalten Waschkaue erfolgt, sondern ein Wohlfühlakt, etwas, das wie das Baden mit Genuss verbunden ist. Doch neben der verstärkt anhaltenden Huldigung der Körperarbeit im Zeichen der ewigen Schönheit und Jugend schwanken die zeitgenössischen Duscher mittlerweile täglich zwischen phallischer, mega potenter Energieversprechung am Morgen und radikalem Entspannungszauber am Abend – und das alles mittels eines Duschgels. Zweckfreier Hockney'scher Wohlfühlspaß? Genuss? Lust? Ach, keine Zeit.

Doch jedes absolut lebensverändernde Marketingversprechen ist chancenlos, wenn ein verfrühtes Aufstehen, drei Kaffee und eine ausgelesene Zeitung benötigt werden, um den Gang ins Bad geistig vorzubereiten, das vor fünfzig, sechzig (?) Jahren eine großzügig gestaltete Vorratskammer gewesen zu sein scheint, in die dann, damals, als die Trendfliesenfarbe braun war, ein Bad auf zwei Quadratmetern hineingewürfelt wurde (mit Wanne) und im Winter die 30 mal 60 Zentimeter große Heizung nicht gegen zwei Außenwände aus Klinkerstein ankommt. Für Aufmunterung sorgt in diesen schweren Zeiten lediglich der Duschvorhang, auf dem mir kleine Monster täglich entgegenwinken. Der Badaufenthalt wird mit effizienten Handlungen so kurz wie möglich gehalten, auch wenn an besonders kalten Tagen der Durchlauferhitzer beim Duschen dekadent auf Stufe zwei gestellt wird und kurzzeitig eine Minisauna entsteht.

Ich billige die Umstände mit dem Gedanken an die günstige Miete, und dass das Verfügen über ein warmes, zeitgenössisch gestaltetes Bad nun wirklich etwas für Spießer ist. Zudem gibt es fließend Wasser, alles funktioniert und das Bad könnte hervorragend als Panic Room fungieren, als eine noch unbekannte Installation des Künstlers Gregor Schneider angepriesen werden, und nicht zuletzt wird die angenehme Kühle im Sommer geschätzt. Jedoch komme auch ich an die Grenzen meiner Überzeugungskunst. Meistens dann, wenn das soziale Leben es verlangt, Freunde zu besuchen. Bei denen ist immer alles besser – auch das Bad. Also lasse ich mich von der Wirkung geschmackvoller Fliesen einlullen, klimpere mit den Fingern verliebt über den Handtuchheizkörper und erschrecke manchmal auch über meine warmen Füße. Ist das eine Fußbodenheizung? Benommen setze ich mich auf den Badewannenrand und verhindere somit das Unmögliche: das Herumwälzen auf dem warmen Boden. Das könnte nur zu Fragen führen.

In solchen Fällen gilt es: standhaft bleiben, das fremde Bad mit erhobenen Hauptes verlassen, die Tür leise schließen und sich nicht umdrehen. Das gut ausgeleuchtete Spiegelbild muss sofort vergessen werden. Keine Tränen. (Bis zum nächsten Mal. Kisses.) Daraufhin schnell das Gespräch mit den anderen Gästen suchen: über Kultur, Politik, das nächste Projekt, den Job; fragen, was die Kinder so machen. Denn: bloß keine Gewöhnung. Bloß keine Träume. Ich bin stark und Winter nur eine Jahreszeit, die vorrübergeht. Nicht wahr? Denn auf gar keinen Fall darf das eigene Bad saniert werden. Dieser Wunsch muss verhindert werden. Denn das Erfüllen würde bedeuten, dass der Vermieter nach Jahren der Ignoranz – die Rauchmelder wurden gerade noch just in time angeklebt, das Licht im Flur nach einem halben Jahr repariert – mit seinem Maserati vorfährt, die Gürtelschnalle nach dem Ausstieg noch schnell zurechtrückt und sich beim Anblick von zwei im Entstehen begriffenen Neubauten mit Eigentumswohnungen im Umfeld seiner Immobilie fragen wird, ob er ebenfalls in den Trend mit einsteigen soll.

11 February 2017

In der Rating-Hölle

"Ökonomie ist die Methode, Ziel ist es aber, die Seele zu verändern". Der Satz trifft mich, irgendwann Ende Dezember, irgendwo vor Hamburg (vielleicht Schnee), während der als unangenehm empfundene Winkel von Sitz und Lehne im Intercity den Druck auf meine Bandscheiben erhöht. Ich setze eine dünne Bleistiftklammer, während neben mir ein Mann unter seinem Yacht-Magazin erschlafft. Der Bleistiftakt setzte beim Lesen des Gesprächs zwischen Wendy Brown und Isabelle Graw bereits vor dem Margaret-Thatcher-Zitat immer dann ein, wenn das eigene Gefühl in den Worten der anderen bestätigt wurde. "Investiere dich!", lautet der Titel des Textes, der, einer 3D-Animation gleich, im Kopf rotiert: "Investiere dich!"

Ich bin gewiss: Das Subjekt ist sein bestes Werkzeug und alles, was es macht, denkt und fühlt, wird ausschließlich zu Wertsteigerung seiner Selbst eingesetzt: Ausbildung, Beruf, Netzwerke, Beziehungen, Freizeit, Sport schaffen eine finanzialisierte Biografie, die zudem kommuniziert werden muss. Denn "[d]as professionalisierte Selbstmarketing hat es in den inneren Zirkel der Kernkompetenz geschafft", weiß Georg Franck. Auch das noch.

Mit Blick auf meine eigenes ökonomisiertes Leben stelle ich fest, dass ich selbst ein ziemlich schlecht arbeitender Spekulant bin. Kein Bel Ami. Doch unabhängig davon: Zielt dieses Investment überhaupt auf etwas ab, ist es nicht bereits zum Selbstzweck geworden, weil gar kein Endziel vorhanden ist? Das Auf-der-Stelle-treten wird lediglich mit einer Schrottoption (das bessere Leben, von dem alle reden) ausgeschmückt, die nie gezogen werden soll.

Doch der Spekulant ist zwar meistens Dilettant, aber dennoch gereizt vom Unvorhersehbaren: dem optimierten Persönlichkeits-Rating, das was bringt (etwas, von dem alle reden werden). Ein Update. Daher bleibt es im schlimmsten Fall bei der 168-Stunden-Woche (alles inklusive) für alle. In Kauf genommen wird das Fehlen von Zeit und Raum für Fragen, soziales und politisches Engagement, Solidarität, Kaffee und Kuchen, Liebe, Lesen, Schlaf, Musik, Zweifel et cetera, et cetera ... Man einigt sich darauf, Müßiggang, Selbstreflexion, Sabbat, Gammeln sowie Therapien, À-la-carte-Sucht und die ausgebuchten Fight Clubs zu dulden wie die Matrix Neo.

Doch was, wenn das Nicht-Spekulieren, der Ausstieg und die Verweigerung, das simple "Ich kann/will nicht mehr" nicht mit Verachtung und Angst garniert werden? Es wären die Möglichkeiten eines Neins!

5 February 2017

Die Retoure

Wenn man es doch schafft, ein Projekt abzuschließen, nach Jahren der selbst gewählten Folter, dramatisch gesprochen, obwohl man es doch als Genuss empfindet, das Arbeiten an etwas, das Können, das Wollen, das Dürfen, sich die Zeit dafür zu stehlen, und damit das Ziel eigentlich schon erreicht sein sollte, dann folgt darauf gelegentlich ein Vertragsabschluss. Auch wenn es sich, wie in meinem Fall, um eine Dissertation handelt, die, in, ja, ich muss es so sagen, streng limitierter Auflage erscheint und die Druckkosten selbst zu tragen sind – zusammengekratzt, immerhin unblutig.

Wenn wir jetzt annehmen, dass jeglicher Vertragsabschluss, nein, bereits das Lesendürfen eines Vertrags, einem Erfolg gleichkommt, da der Graben zwischen dem Ich und Welt etwas enger wird, so bilde ich mir ein, wird dieses Gefühl leider sofort wieder gedämpft. Grund hierfür ist der Absatz "Verramschung, Makulierung". Vom steten Zweifel abgehärtet, daher beruhigt, stelle ich fest, dass ich für mein Druckerzeugnis bei keinem verkauften Exemplar – und bei Rücknahme meinerseits (Ramschpreis, Versandkosten) – nur ein paar Regelböden* freiräumen müsste. Glaube ich. Hoffe ich. Strenge Limitation sei dank.

Kaum auszudenken, ich hätte in den letzten Jahren eine Band gegründet und hätte überzeugt und sehr stark auf physische Tonträger gesetzt. Natürlich keine Kleinstauflage, sondern 500, nein 1000, nein 2000 Stück, plus zusätzlichem Fanpaket (man hat's ja, woher auch immer) für die fiktiven, aber bestimmt kauffreudigen Fans – denn es war alles so gut und so gewollt, auch wenn nicht drängend genug, oder gerade eben zu drängend. Klar.

Wenn sich dann plötzlich ein Vertrieb bei mir melden würde, würde ich wahrscheinlich nicht mehr auf die Stückzahl achten, sondern nur noch auf das im Anschreiben vermerkte Gewicht. Was dann?

Da ist er wieder: Der Graben zwischen dem Ich und der Welt.

Würde ich alles in den feuchten Keller stellen und mich im Vergessen üben, da ich bereits aus Trotz am zweiten Album arbeite (diesmal nur Kassette)? Würde ich alles säuberlich in der Wohnung aufbahren – die Wände entlang. Würde ich alles heimlich in einem Studio verstecken wollen, irgendwo bei den alten Verstärkern und schwarzen Molton darauf legen (die Leichendecke). Würde ich Freunde fragen, ob sie für ihre Retouren schon Lagerraum angemietet haben? Würde ich auf die Deponie fahren? In die Wüste fliegen (Vergleich Atari)? Und was passiert mit dem Merchandise. Warum wollte bloß keiner diese blauen T-Shirts, die im Ankauf so günstig waren? (Weil wahrscheinlich nur die Kids auf dem Cover zu Washing Machine von Sonic Youth blaue T-Shirts tragen.)

Und wie wäre das Gefühl, wenn die Lieferung kommt und sich darin die falsche Platte befände, da der Vertrieb selbst nur den vollgestopfen Lagerraum freischaufeln lässt?

Was, wenn mein/ein Leben davon abhängt, da es doch kein Hobby war?

Wie klingen eigentlich Todesmelodien?

*(Die Regalböden bestehen aus Pressspan. Daher: Das Camp-Konzept. Ästhetik, Popkultur, Queerness ist ab diesem Frühjahr sicherlich irgendwo zu haben.)

1 February 2017

Verspätete editorische Notiz

Man schreibt dann doch weiter, auch wenn Zeit und Leser fehlen. Wöchentlich.